Paul Reiffer
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Aufs Ganze gehen - Stadtlandschaften

Paul Reiffer ist ein Fotograf, der wirklich von sich sagen kann, die meisten Aspekte der Fotografie zu kennen. Er begann seine berufliche Laufbahn als weltweit gefragtes Model vor der Kamera und weiß daher genau, welche Gedanken einem Model durch den Kopf gehen. Schon immer von der Fotografie fasziniert, lernte er ein bisschen von jedem der tollen Fotografen, mit denen er während seiner Karriere als Model zusammengearbeitet hat. Mit dem Wissen und den Techniken, die er sich aneignete, lernte Paul die Bilder, die er einfangen wollte, auch selbst zu erschaffen. Vor etwa fünf Jahren hat Paul sich schließlich dazu entschieden, Vollzeit-Modefotograf zu werden und fertigte überwiegend Portfolios oder Low-Key-Arbeiten an. Es war der ideale Einstieg in die Fotobranche. Zugleich erkannte er, dass sich die Fotografie perfekt mit seiner anderen Leidenschaft verbinden lässt: Dem Reisen.

Durch ein Netzwerk von Freunden, Kollegen und Medienkontakten begann Paul mit Auftragsarbeiten für einige große Namen und entschied infolge, sich breiter aufzustellen – zusätzlich zur Arbeit für Firmenkunden würde er außerdem die Welt bereisen und Sonderserien von Orten, die er wirklich liebt, anfertigen, damit sich auch andere an ihnen erfreuen können. Heute arbeitet er als professioneller Landschafts- und Werbefotograf sowohl für gewerbliche Auftraggeber als auch für Privatkunden.
 
Im vergangenen Jahr wagte Paul einen weiteren großen Schritt, als er von einer 35mm DSLR zu einem Phase One Mittelformatkamerasystem wechselte. Paul hat bereits einen spannenden Text über seine Beweggründe und darüber, was der Wechsel für ihn bedeutet geschrieben (hier lesen), also haben wir ihn darum gebeten, eine Auswahl seiner Arbeiten mit uns zu teilen. Daraufhin haben wir wunderschöne Aufnahmen von Stadtlandschaften aus Shanghai, San Francisco, Hongkong und London erhalten, die charakteristisch für Pauls Werk sind. Sie sind überall auf der Welt entstanden, manchmal musste Paul auch Umwege in Kauf nehmen, um zu bekommen, was er wollte. Wir haben mit Paul über die Bilder und über seine Arbeit zur Stadtlandschaft gesprochen:

Was ist es, dass Sie an Städten so fasziniert, dass Sie sich auf das Fotografieren von Stadtlandschaften spezialisiert haben?

Ich bin in einem relativ kleinen Küstenstädtchen aufgewachsen und erinnere mich noch daran, dass „ein Ausflug nach London“ immer eine spannende Angelegenheit gewesen ist. Seitdem bin ich ein bisschen in der Welt herumgekommen – von Dublin nach San Francisco, nach Shanghai (und ein paar weitere Stationen zwischendrin!) – und habe festgestellt, dass zwar alle per definitionem „Städte“ sind, aber dennoch einen ganz lebendigen und einzigartigen Charakter haben. Für mich sind Landschaften aufregend, da sich das Wetter immer wieder verändert, sodass jede Aufnahme anders ist. In einer Metropole ändert sich durch das Leben, das ihr innewohnt ständig alles – sogar eine Aufnahme, nur fünf Sekunden nachdem ich ausgelöst habe, wird anders aussehen – die Atmosphäre, das Licht, die Bewegung, der Ort – alles verändert und entwickelt sich ständig weiter.


Sind Sie schon mal in einer Stadt angekommen, bei der Sie bereits genau wussten, was für eine Aufnahme Sie von Ihrem Besuch mitnehmen wollten und bei der diese aber durch unvorhersehbare Umstände nicht möglich war? Was haben Sie in dieser Situation getan?

Es gibt da eine Aufnahme von San Francisco, die ich seit sechs Jahren aufzunehmen versuche, es aber immer noch nicht geschafft habe! Ich habe dieselbe Stelle mittlerweile bestimmt schon 25-mal besucht, immer vor Sonnenaufgang (es schmerzt, wenn man mit leeren Händen davongehen muss). Leider ist das Bild, das ich haben möchte, stark von einer bestimmten Wetterlage abhängig und wird daher immer ein Wagnis sein; die Sache entwickelt sich allerdings zusehends zum Albtraum...!
Daneben hat es auch noch einige andere unerwartete Situationen gegeben: Besonders wachsame Sicherheitsleute, starke Stürme, Government Shutdowns, Ausgangssperren und sogar Gebäude, die einfach weg waren! Der Trick ist es jedoch, sich darüber bewusst zu sein, wenn etwas aussichtslos ist (zumindest für den Moment) und dann das Beste daraus zu machen. Eine lange Belichtung von schnell vorbeiziehenden Wolken über einer Skyline kann ganz anders, aber ebenso toll sein, auch wenn man eigentlich geplant hatte, einen Sonnenuntergang zu fotografieren. Man sollte immer einen Plan B im Hinterkopf haben.

Kennen Sie die Städte, die Sie fotografieren alle in- und auswendig? Wenn nicht, wie gehen Sie an ein Projekt heran, wenn Sie in einer Stadt ankommen, die Ihnen völlig unbekannt ist?

Lustigerweise (und peinlicherweise) brauchte es Jahre, bis zu diesem Sommer, um endlich mal zum Fotografieren nach London zu kommen! 
Es ist natürlich einfacher, Locations zu finden, wenn man in einer Stadt ist, die man gut kennt; manchmal bedeutet das aber auch, dass man den einen, ganz bestimmten Blickwinkel übersieht, weil man dazu neigt, auf Nummer sicher zu gehen und sich nur in den gewohnten Bahnen bewegt. Wenn mir eine Stadt vollkommen unbekannt ist, erweisen sich Tools wie Googles Satellitenaufnahmen oder Street View als unbezahlbar. Ich mache mir auch die Gruppen auf Flickr zunutze, um zu schauen, ob es etwas Wichtiges gibt, das sich zu fotografieren lohnt. Die Fotografie-Community im Internet ist eine Gruppe sehr hilfsbereiter Menschen. Ganz gleich, wo ich gerade bin; wenn es um Locations geht, versuche ich mir die Erfahrung der Anderen zunutze zu machen.
Trotz allem besteht die Herausforderung immer wieder darin, diesen anderen Blickwinkel zu finden. Häufig begegnet man immer wieder der gleichen Komposition, die immer und immer wieder vom selben Punkt aus geschossen wurde (meist aus gutem Grund – es sieht toll aus), aber der Trick ist es, entweder nach einem anderen Blickwinkel zu suchen, oder einfach die gleiche Ansicht auf eine ungewöhnliche, kreativere Art und Weise zu fotografieren.

An wen wenden Sie sich, um die richtige Location zu finden?

Ich habe immer das große Glück gehabt, entweder Leute über mein eigenes Netzwerk oder über Gruppen online zu finden, die bereit gewesen sind, mir zu helfen.
Nächsten Monat steht eine Reise nach Kuala Lumpur an. Über Flickr habe ich jemanden kontaktiert, der sich sehr gut in der Stadt auskennt und habe ihn nach „verborgenen Geheimnissen“ gefragt. Das hatte zur Folge, dass er uns vom Flughafen abholt, uns einige geheimnisvolle (und gesperrte) Gegenden zum Fotografieren zeigt und mir quasi eine Stadtführung bei Nacht ermöglicht. Ich bin von der Großzügigkeit anderer Fotografen immer wieder aufs Neue erstaunt und versuche, wann immer es mir möglich ist, auch dem Anderen einen Gefallen zu tun – diese magische Verbindung, die man manchmal in einer unbekannten Stadt findet, ist einfach von unschätzbarem Wert.

Schritt für Schritt, wie gehen Sie in einer neuen Stadt vor?

Als Erstes muss man herausfinden, was die Stadt ausmacht. Es hat keinen Sinn, die Themse in London mit total verrückten Lichtstrahlen zu fotografieren – das passt nicht zum Wesen dieses Flusses. Genauso wenig würde es funktionieren, die Skyline von Pudong in Shanghai ruhig und total entspannt darzustellen. Ich muss also die Atmosphäre ganz in mich aufnehmen und von da aus weiterarbeiten. Manche Städte sehen zwar toll bei Tag aus, ich fühle mich jedoch vielleicht zu sehr vom Himmel abhängig. Eine Aufnahme mit wolkenverhangenem Himmel wird ohne lange Belichtungszeiten nur sehr selten spannend. Da ich von den meisten Städten die Atmosphäre, die Energie und die Farben wiedergeben möchte, liegt es in der Natur der Sache, dass ich es zuerst oft auf Nacht- oder Sonnenuntergangsaufnahmen abziele und anschließend die Locations angehe und mir online ähnliche Ansichten anschaue. Ich lege Wert darauf, die Bilder, die mir bei der Locationsuche geholfen haben, niemals mitzunehmen. Dadurch kann ich sie zwar als Planungswerkzeug nutzen, beuge aber dem Risiko vor, zu nah am Bild dran zu sein. Aufnahmen vom geplanten Standpunkt aus sind notwendig, bevor man sich davontreiben lässt. Bei Aufnahmen aus großer Höhe sollte man sich vorher überlegen, wie man Zugang zu einem Gebäude erhält – offiziell oder durch etwas Überredungskunst (beides kann funktionieren) – es braucht allerdings etwas Planung im Voraus...
In einer völlig unbekannten Stadt, ohne jegliche „Anhaltspunkte“, können sich Apps wie TPE (zur Ermittlung des Zeitpunkts von Sonnenaufgang oder -untergang) als äußerst wertvoll erweisen. Zusammen mit den Tools von Google bedeutet das, dass man einen Plan A zur Hand hat und jederzeit noch auf einen Plan B zurückgreifen kann. Ich habe grundsätzlich immer zwei Pläne – einen für einen klaren Tag (mit Sonnenuntergang) und einen anderen für einen stürmischen/regnerischen Tag. Manche Städte gelingen im Regen einfach nicht; da ich aber in der Regel mehrere Tage lang fotografiere, gibt mir das die Möglichkeit, mich mit den unterschiedlichsten Witterungsverhältnissen auseinanderzusetzen.


Ist es jemals notwendig gewesen, Ihre eigene Komfortzone zu verlassen, um die Stadtaufnahme zu bekommen, die Sie haben wollten?

Ja, klar!
Ich habe schon im Dunkeln Grundstücke betreten, zu denen der Zugang verboten war (die Speicherkarte in der Unterwäsche, nur für den Fall, dass jemand, der mich vom Grundstück vertreiben wollte, weiter ging, als mich nur darum zu bitten!).
Ich wurde von Dächern gejagt – trotz ausgehandeltem Deal mit einem Wachmann.
Ich habe meine Kamera und das Stativ schon von der 60. Etage eines Gebäudes baumeln lassen, um eine blinkende rote Flugzeugwarnleuchte zu umgehen.
Ich habe sogar schon mal in Shanghai 4 Nächte lang in der Mitte eines fünfspurigen Kreisverkehrs gekauert, um Lichtströme an mir vorbeiziehen zu lassen.
Solche Situationen kann ich wirklich niemandem empfehlen, aber manchmal suche ich einfach diesen anderen Blickwinkel und das hat nun mal seinen Preis.

Was war die extremste Situation, in die Sie sich begeben haben, um das Bild zu erhalten, das Sie vor Augen gehabt haben?

Um ehrlich zu sein, Hausdächer und Felsvorsprünge mögen sich zwar gefährlich anhören, die (auf die Sicherheit bezogen) brenzligste Aufnahmesituation fand jedoch in Shanghai statt. Ich habe hier in Shanghai die schlimmsten Fahrweisen überhaupt gesehen, das Shooting dauerte insgesamt vier Nächte. Vier Nächte stand ich also in einem schraffierten Bereich mit meiner Kamera vor Ort, während der Verkehr an mir vorbeirauschte. Alles was ich brauchte, war die richtige Zusammenstellung des Lichts.
Wenn ich von vorbeirauschendem Verkehr spreche, meine ich: Autos ohne angeschaltete Scheinwerfer; Busse, die in verkehrter Richtung fahren; Polizeiautos, die IN Motorräder fahren (ohne Licht). Es gab sogar eine komplette Familie, die mit ihrem Auto gegenüber von mir IM Kreisverkehr angehalten hat, Stühle rausholte und mir beim Fotografieren zugesehen hat. Es waren ein paar verrückte Nächte! Glücklicherweise meinte es das Schicksal gut mit mir und ich habe gefährliche Situationen immer rechtzeitig bemerkt – also ja, das ist keine Erfahrung gewesen, die ich so schnell wiederholen möchte...! Die Bilder auf der rechten Seite zeigen die Situation - das war während der Aufnahme von Bild 1.

Paul geht eindeutig aufs Ganze, um das Bild zu erhalten, das er haben möchte. Nach unserem Interview machte er sich auf nach Kuala Lumpur, zu der Reise, von der er zuvor gesprochen hat. Wie schon so oft, wurde er großzügig empfangen. Auf der Reise boten sich Paul auch wieder ein paar extreme Situationen, die ihn aus seiner Komfortzone herauslockten. Lesen Sie hier mehr. 

Der Fotograf Paul Reiffer

Kamera: Phase One 645DF+
Digitalback: IQ280
Mehr Bilder: Paul Reiffers Galerie
Pauls bevorzugter Händler: Shanghai Orlando Photo Co. Ltd.

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Mehr über Paul Reiffer
paulreiffer.com

ALL IMAGES © Paul Reiffer

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